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Interview mit Sascha Luike (LL Consulting) Teil 2

Ahlen. Ein Instrument im Ringen um mehr Qualität in der privaten Sicherheitsbranche ist die DIN 77200-1. Immer mehr Auftraggeber und Vergabestellen fordern bei ihren Ausschreibungen von privaten Sicherheitsdienstleistern eine Zertifizierung nach dieser Norm. Diese sollen so einen Nachweis über ihre Leistungsfähigkeit und die Qualität ihres Service erbringen. Zudem soll die Norm zur Transparenz sowie der Vergleichbarkeit der angebotenen Leistungen dienen. 

 

Logisch, dass aufmerksame Unternehmer – um wettbewerbsfähig zu bleiben oder sich von den Mitbewerbern abzuheben – ein Zertifikat erwerben wollen. Doch bei der Auswahl des Zertifizierers gilt es mindestens genauso wachsam zu sein. Ansonsten hat man schnell mal ein paar tausend Euro und viel Zeit in ein Zertifikat investiert, dass sich am Ende als wertlos herausstellen könnte. 

 

Seit kurzem ist das Ahlener Beratungsunternehmen LL-Consulting Mitglied im BVMS. Dessen Geschäftsführer und Inhaber, Sascha Luike, ist ausgewiesener Sicherheitsexperte und berät seit Jahren sowohl Vergabestellen als auch Sicherheitsdienstleister. Bei Letzteren legt er vor allem seinen Schwerpunkt auf Qualitätsmanagement und Zertifizierungen – und dabei ganz besonders auf die DIN 77200-1. Im zweiteiligen Interview erklärt Sascha Luike worauf es bei den Zertifizierungsstellen ankommt, welche schwarzen Schafe es gibt und welche Rolle die Auftraggeber dabei spielen. Teil 2

(Hier geht es zu Teil 1)

 

BVMS: Wenn ich nun als Auftraggeber zwischen zwei Dienstleistern, einem akkreditierten und einem nicht akkreditierten wählen muss, wie sollte dann meine Wahl ausfallen? 

Sascha Luike: Man muss ja zuerst einmal betrachten, was denn Sicherheit als Dienstleistung bedeutet. Sicherheit ist ja zuvorderst ein Gefühl, so richtig greifen lässt sich Sicherheit als Dienstleistung nicht. Daher gebe ich immer folgenden Rat: Wenn man sich in eine Schlucht abseilen muss, auf welches Seil würde man dann zurückgreifen: Auf das, welches vom TÜV geprüft worden ist oder auf das, welches von Sascha Luike geprüft worden ist. Da fällt die Wahl in der Regel nicht schwer. 
Aber diesbezüglich sind nicht nur die Gedankenspiele des Auftraggebers, sondern auch die der Sicherheitsdienstleister relevant: Denn mit welcher Rechtfertigung will ich vom Auftraggeber eine bessere Bezahlung verlangen, wenn ich über das Bewusstsein verfüge, dass ich nicht die Qualität liefern kann, die eine bessere Bezahlung rechtfertigt.
 

 

 Sascha Luike, Inhaber und Geschäftsführer von LL Consulting   

 

BVMS: Die DIN 77200-1 spielt also eine nicht unwesentliche Rolle bei Ausschreibungen, vor allem der öffentlichen Hand. Wer sich aber als Sicherheitsdienstleister auf einen windigen Zertifizierer einlässt, geht nicht nur ein hohes finanzielles, sondern auch fachliches Risiko ein. Sprich am Ende scheitert er möglicherweise nicht nur bei den Zertifizierungsaudits, sondern geht auch bei Ausschreibungen leer aus. Genau in diesem Feld setzen Sie mit Ihrer Fachkompetenz an. Was kann also der Sicherheitsdienstleister in diesem Kontext von Ihnen als Berater erwarten? 

Sascha Luike: Wir liefern den kompletten Rahmen mit allem, was man benötigt, um erfolgreich zertifiziert zu werden. Wir bereiten unsere Kunden komplett auf das Audit bei der Zertifizierungsstelle vor und sind auch bei diesem Audit dabei. Wir begleiten unseren Kunden also von den ersten Schritten bis hin zu dem Zeitpunkt, wenn das Zertifikat an der Wand im Unternehmen hängt. 

Aber das heißt für unseren Kunden nicht, dass er die Füße hochlegen kann und alles passiert von alleine, sondern jeder muss aktiv mitarbeiten. Viele Anforderungen, die derartige Verfahren stellen, können wir als Berater gar nicht leisten, respektive haben wir gar keinen Zugriff darauf. Dazu zählen etwa Dinge wie Objektkontrollen, Mitarbeitergespräche oder Kundenzufriedenheit. Ganz wichtig finde ich diesbezüglich auch das Thema „Qualitätsziele“. Damit sollte sich jeder Unternehmer, der besser werden will, intensiv auseinandersetzen. Dazu zählen beispielsweise solche Themen wie die „Fluktuationsrate der Mitarbeiter“, „nicht besetzte Dienste“ oder „Lohnreklamationen“. Das alles spielt zusammen. Und wenn ich mich verbessern möchte, muss ich meine Fehler messen, damit ich nachvollziehen kann, ob sie weniger oder gar mehr geworden sind. 

Allerdings darf man die DIN 77200-1 nicht verwechseln mit der ISO 9001. Letztere ist ein echtes Qualitätsmanagement, die 77200-1 hingegen ist eine sogenannte Produktzertifizierung. Man lässt sein Produkt „Sicherheitsdienstleistung“ zertifizieren. Da gibt es auch im Audit ganz entscheidende Unterschiede. So führt bei der ISO 9001 nicht nur ein Weg zum Ziel, sondern verschiedene. Anders ist es bei der 77200-1. Da hat der Auditor eine Checkliste, die Punkt für Punkt abgearbeitet wird. Nehmen wir zum Beispiel die Betriebshaftpflicht. Da lautet ein Kriterium: Sind die unerlaubten Handlungen durch Mitarbeiter mitversichert? „Ja“ ist super, „Nein“ ist eine Abweichung, ganz klar.

 

  Die DIN 77200 hat eine hohe Relevanz für die Sicherheitsbranche  

 

BVMS: Wie viele solcher Abweichungen sind erlaubt oder welche fehlenden Kriterien sorgen dafür, dass die Zert-Stelle das Zertifikat nicht vergibt? 

Sascha Luike: Das kann man pauschal gar nicht sagen, es kommt vor allem auf die Art der Abweichung und deren Anzahl an. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem der Auditor zu der Erkenntnis gelangt, dass das Unternehmen noch nicht bereit für die Zertifizierung ist und empfiehlt, sich erst wieder dem Audit zu stellen, wenn die Defizite abgestellt worden sind. Das soll jedoch möglichst verhindert werden. Darum muss jeder Sicherheitsdienstleister bei der Erstzertifikation seine Dokumentation vorab an die Zertifizierungsstelle versenden. Das heißt, die Zert-Stelle prüft generell, ob man rein theoretisch eine Chance hat, das Audit zu bestehen. So soll vermieden werden, dass sich der Auditor möglicherweise umsonst zum Kunden begibt und unnötige Kosten entstehen.

 

BVMS: Und welche Konsequenzen hat ein Nichtbestehen des Audits? 

Sascha Luike: Das ist zu aller erst abhängig von der Art der Zertifizierung. Besteht man das Audit bei einer Erstzertifizierung nicht, hat man anschließend 3 Monate Zeit, die Defizite abzustellen. Bei einem Überwachungsaudit kommt es darauf an, um welche Norm es sich handelt. Da variieren die Fristen, die man einhalten muss, um die Abweichungen zu korrigieren. Allerdings: erst nachdem alle Abweichungen korrigiert worden sind, erhält man das Zertifikat. 

 

  LL Consulting hat seinen Sitz in Ahlen  

 

BVMS: Und was empfehlen Sie Sicherheitsdienstleistern, die sich möglicherweise gerade in einem Zertifizierungsverfahren bei einem nicht akkreditierten Zertifizierer befinden oder diesen bereits abgeschlossen haben. Gibt es da so etwas wie eine „Ausstiegsklausel“?

Sascha Luike: Da ich kein Rechtsanawalt bin, kann ich dazu keine verlässliche Aussage treffen. Das kommt letztlich auf die Verträge an, wie das darin geregelt ist. Wenn man sich zu diesem Schritt entschließt und keine Einigung erzielt, muss man sich kompetenten Rechtsbeistand suchen. 

 

BVMS: Sie arbeiten eng mit ICG-Zertifizierung und DEKRA zusammen, zwei der aktuell vier bei der DAkkS akkreditierten Zertifizierungsstellen. Bei Ihnen bekommt man also quasi alles aus einer Hand. Zum einen die fachliche Kompetenz bei der Vorbereitung als auch die Überprüfung durch einen akkreditierten Zertifizierer. Hört sich nach dem Rundum-Sorglospaket an, oder? 

Sascha Luike: Man muss da ein wenig differenzieren: „Ja“ wir arbeiten mit diesen beiden Zert-Stellen eng zusammen, aber der Sicherheitsdienstleister schließt seinen Vertrag mit der Zertifizierungsstelle über die Zertifizierung und schließt mit LL Consulting einen Vertrag über die Beratung. Beide Vorgänge sind also autark. 

 

BVMS: Das heißt aber auch, dass ein Sicherheitsdienstleister Sie kontaktieren könnte, um mit Ihnen einen Beratungsvertrag abzuschließen, aber sich bei einer nicht akkreditierten Zert-Stell zertifizieren lassen will. Wie gehen Sie damit um? 

Sascha Luike: Dann lehne ich ab. Denn es macht ja überhaupt keinen Sinn, einen nicht ganz preiswerten Berater zu engagieren und sich dann bei einer nicht akkreditierten Stelle zertifizieren zu lassen. Was das im schlimmsten Fall bedeuten kann, haben wir oben bereits ausführlich erläutert. 

 

  Sascha Luike, Inhaber und Geschäftsführer von LL Consulting  

 

BVMS: Immer wieder bekommen wir auch Anfragen von unseren Mitgliedern, was eine 77200-Zertifizierung kostet, wenn man es richtig machen möchte. Können Sie das einmal kurz umreißen? 

Sascha Luike: Es ist immer abhängig von der Mitarbeiteranzahl und dem zertifiziertem Geltungsbereich. Die Norm ist ja in mehrere Geltungsbereiche aufgeteilt. Aber man kann sagen für einen KMU belaufen sich die Kosten inklusive Beratung und Zertifizierungsaudit bei der Erstzertifizierung etwa auf 12.000 Euro. Dazu kommen dann die jährlichen, sogenannten Überwachungsaudits. Ein Zertifikat ist drei Jahre gültig, wird aber einmal im Jahr überwacht. Wir bei LL Consulting bieten eine monatliche Beratung an, bei der wir unsere Kunden informieren, wenn es Änderungen bei der Norm gibt und bereiten sie auch auf das anstehende Überwachungsaudit vor, haben alle Fristen im Kopf und sind auch beim Überwachungsaudit dabei. 

 

BVMS: Gibt es eine Unternehmensgröße bei der Sie sagen würden, da lohnt sich eine Zertifizierung nicht oder Kosten und Nutzen stehen in keinem Verhältnis? 

Sascha Luike: Das pauschal zu beantworten ist schwierig. Wichtig ist, dass ein Unternehmen durch eine Zertifizierung nicht in eine wirtschaftliche Schieflage gerät. Leider ist das aber auch ein wenig ein Teufelskreis. Wenn man nämlich als kleinerer Sicherheitsdienstleister für einen großen als Nachunternehmer arbeiten möchte, muss man in der Regel die DIN 77200-1 und die ISO 9001 nachweisen. Daher kann man lange darüber philosophieren, ab wann es Sinn macht oder bis wann es keinen Sinn macht, sich zertifizieren zu lassen. 

 

BVMS: Abschließend eine Frage in eigener Sache: Die Problematik im Kontext der Zertifizierung nach 77200-1 haben wir nun ausgiebig identifiziert. Als Verband sehen wir es entsprechend kritisch, wenn sich Mitgliedsunternehmen bei nicht akkreditierten Zertifizierern zertifizieren lassen. Mehr als Aufklärungsarbeit – so wie mit diesem Interview – können wir allerdings kaum leisten. Was wäre aus Ihrer Sicht wünschenswert, wie wir als Verband mit der Problematik umgehen sollten? 

Sascha Luike: Um es mal vorsichtig auszudrücken: Aus den bereits erwähnten Gründen wäre es wünschenswert, dass ausschließlich akkreditierte Zert-Stellen berechtigt wären Zertifizierungen durchzuführen. Das rechtlich durchzusetzen dürfte allerdings schwierig werden. Daher denke ich, dass man sich auf darauf konzentrieren muss, zu informieren. Ich habe mich daher entschlossen, künftig auf meinen Social-Media-Kanälen offensiver mit der Thematik umzugehen, denn es gibt einen Punkt, den wir bisher noch nicht angesprochen haben: Das ist die Angst des Sicherheitsdienstleisters vor den großen Namen DEKRA, ICG-Zertifizierung, Qualidata oder VdS. Diesbezüglich benötigen wir definitiv mehr Aufklärung, denn ein Audit tut in der Regel nicht weh, sondern es dient ausschließlich dazu, dem Unternehmer aufzuzeigen, wo er Verbesserungspotenzial hat, also wie er sein Unternehmen besser machen kann. Es kommt niemand daher und will sein Unternehmen schließen. 
Und abschließend bleibt noch einmal deutlich zu unterstreichen: Die Praxis hat gezeigt, dass viele Sicherheitsdienstleister gar nicht wissen, dass es gravierende Unterschiede zwischen den Zert-Stellen gibt. 

 

Zur Person: 
Name: Sascha Luike
Beruf: Unternehmensberater (consultant), LL Consulting
Alter: 47 
Familienstand: Verheiratet, eine Tochter, drei Hunde
Hobbys: Reisen, Hunde, Golf (ganz neu) 

LL Consulting
Ahornweg 15
59229, Ahlen in Westfalen
Tel. 02382–7728422

www.ll-con.de 

 

Über die DAkkS: Die DAkkS ist die nationale Akkreditierungsstelle der Bundesrepublik Deutschland. Sie handelt im öffentlichen Interesse als alleiniger Dienstleister für Akkreditierung in Deutschland. Aufgabe der DAkkS ist die Überprüfung und Bestätigung der Kompetenz von Konformitätsbewertungsstellen wie Laboratorien, Inspektions- und Zertifizierungsstellen.

Folgende Zertifizierer sind aktuell bei der DAkkS nach der DIN 77200-3 akkreditiert: DEKRA, ICG Zertifizierer, Qualidata GmbH und VdS.  

Weitere Informationen

Veröffentlichung

Mi, 22. Juli 2026

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